Kultur vor Ort:
„Ein ganzes halbes Jahr“ in Alsterdorf

Ein ganzes halbes Jahr in zwei hinreißenden Stunden
Mareike Fell las, Joco spielte – zum Valentinstag in Alsterdorf
Kann ein Querschnittgelähmter ein Ekel sein? Will war ein Gewinner, einer, der bestimmte, wo es lang geht, ein Yuppie der unerträglichen Sorte. Seit er nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt wird über ihn bestimmt. Er ist nur noch ein Kopf ohne Körper. Das gönnt man ihm! Nein, das gönnt man niemandem, nicht mal diesem Will. Und der will nur noch eines, sterben.

Bei allem Widerstand gegen einen solchen Gedanken: Er will ein letztes Mal über sich bestimmen, das kann man verstehen. In einem ganzen halben Jahr soll es so weit sein. Und weil die Eltern das irgendwie verhindern wollen, stellen sie Lou ein. Eine junge Frau vom anderen Ende der sozialen Leiter, eine Arbeitslose mit einem unerträglich eigenwilligen Kleidungsgeschmack, eine junge Frau, die zwar noch nichts von der Welt gesehen, aber sich damit arrangiert hat; sie hat einen Horror davor hat, einem Kranken den Arsch abzuputzen. Sie soll diesen Typen aufheitern, ihn wieder ins Leben führen. Davon weiß sie nichts, davon erfährt sie erst später. Zufällig. Da hat sie aber schon begonnen zu begreifen, dass sich hinter der Ekelfassade einer versteckt, der ihr viel näher ist, als sie dachte.

Und sie verknallt sich in diesen Menschen, der auf sie angewiesen ist; und er beginnt sich für diese Frau zu interessieren, die so gar nichts von seiner Welt ist, die nichts vom Leben weiß, das er einmal geführt hat – und auf einmal öffnet sich diese menschliche Verschlusssache – und sagt „sorry“. Und die Lesung in Alsterdorf endete damit, dass sie auf seinem Schoß sitzt – und „sorry“ sagt.

Und wie Mareike Fell das mit rund 70 interessierten Zuhörern im vollbesetzten Alsterdorfer Nachbarschaftstreff liest, da ist es für eine ganze halbe Minute ziemlich still. Zweieinhalb Stunden dauert die Lesung des Erfolgsromans „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes. Mareike Fell, die erfolgreiche Hamburger Schauspielerin, die einmal als Sketchpartnerin von Herbert Feuerstein und Harald Schmidt eine internationale Schauspielkarriere begonnen hatte, die als Dozentin arbeitet – und, natürlich ganz nebenbei, auch noch zwei Kinder großzieht, las – ach was, sie lebte den Text.

Das Frauen-Duo JOCO bildete an diesem bemerkenswerten Valentinstag in Alsterdorf den richtigen musikalischen Rahmen. Die beiden Schwestern Josepha und Cosima Carl erzählen ihre ganz eigenen Geschichten, untermalen ihre Zweistimmigkeit mit einer hinreißend präzisen instrumentalen Lässigkeit … Und, ach ja, es gab Flammkuchen … und Rosen für die Damen. Aber daran lag es nicht, dass selbst die Männer an diesem Abend gern noch länger geblieben wären, am Valentinstag in Alsterdorf.

Kultur vor Ort: Wintergeschichten mit Erik Schäffler im Elbschloss an der Bille, Dezember 2013

Eine Veranstaltung der BGFG. Informationen unter (040) 21 11 00-66.

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